Bergwacht München

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Regisseur Joseph Vilsmaier zu Besuch bei der Bergwacht

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Josef Vilsmaier mit Fried Saacke, Leiter Bergwacht München„Kruzifünferl, was machen die da?“. Der Regisseur Joseph Vilsmaier liebt die Berge – was nicht nur sein neuester Film „Nanga Parbat“ beweist. Gern folgte er daher einer Einladung der Münchner Bergwacht auf die Diensthütte am Stümpfling und berichtete ausgiebig über die spektakulären Dreharbeiten mit Reinhold Messner im Himalaja.

Es rumpelt ordentlich. Fried Saacke, Leiter der Münchner Bergwacht, steuert den weißen Dienstbus über den Waldweg rauf zur Stümpfling-Hütte. Er ist die Strecke schon x-mal gefahren und weiß, wann er abbremsen und ein Schlagloch oder eine Wasserrinne umfahren muss.

Dennoch werden die Insassen immer wieder durchgeschüttelt. Joseph Vilsmaier auf dem Beifahrersitz scheint von den Widrigkeiten der Fahrt nichts zu bemerken. Er zeigt auf einen Gipfel rechts vorn: „Da bin ich früher Ski gefahren.“ Gut erinnert er sich an die Zeit, als die Bretter noch keine Stahlkanten hatten und die Skistiefel bereits unter dem Knöchel endeten. „Da haben wir uns öfter mal den Fuß verdreht. Aber die Bergwacht wurde deshalb nicht gerufen – wir sind, so gut es ging, auf dem gesunden Bein abgefahren und haben uns im nächsten Krankenhaus gemeldet.“

Der Regisseur kennt die Berge nicht nur aus dem Blickwinkel des Freizeitsportlers. Auch beruflich hat er ein Faible für alpine Szenerien: Seinen Debütfilm „Herbstmilch“ über das Leben der Bäuerin Anna Wimschneider drehte er im österreichischen Bergdorf Serfaus und im Landkreis Rottach-Inn. Später folgten „Schlafes Bruder“ mit Szenen aus Vorarlberg und die „Geschichte vom Brandner Kaspar“ in Lenggries und der Jachenau. „Schlafes Bruder“ verdeutlicht Vilsmaiers Liebe zum rustikalen Detail besonders gut: Über Monate kaufte seine Crew historische Bauernhäuser aus dem ganzen Alpengebiet auf und ließ sie am Drehort von Handwerkern, die die alten Techniken beherrschen, originalgetreu aufbauen. Das so entstandene Filmdorf lag auf 2000 Metern, und wegen gefährlicher Szenen und vieler Abfahrten ins Tal nach einem Nachtdreh stand dem Team die österreichische Bergwacht zur Seite. „Das war eigentlich das erste Mal, dass ich engeren Kontakt zur Bergwacht hatte“, überlegt Joseph Vilsmaier. Vor allem das Engagement für den Naturschutz, über den die Kameraden traditionell wachen, wird er während dieser Zeit kennengelernt haben: Er hatte sich für seinen Film eine extrem naturbelassene Gegend ausgesucht – 48 Vorschriften, wie Pflanzen, Tiere und die örtlichen Wasserläufe zu schonen sind, musste die Filmcrew beachten.

So ist dem Regisseur das Aufgabenspektrum der Bergwacht weitgehend bekannt, als er der Einladung der Münchner Kollegen folgt, sich auf der Stümpfling-Hütte über ihre Einsätze und die Ausrüstung zu informieren. Der Bus nimmt die letzten Meter zum Plateau, und Hüttenwart Christoph Krämer sowie Bergwachtmann Heinz Neiber kommen aus der Tür, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Im Hauptberuf arbeiten sie in der Informationstechnologie beziehungsweise Telekommunikationstechnik – am Wochenende jedoch ziehen sie die Berg- oder Skistiefel an und versorgen verletzte Wanderer und Skifahrer.

„Die Zahl der Skiunfälle ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen“, erklärt Bergwacht-Leiter Fried Saacke. „Während wir in den 60er- und 70er-Jahren mehrere Hundert Einsätze pro Winter hatten, sind es heute meist nicht einmal hundert.“ Eigentlich eine gute Nachricht, wäre da nicht der Umstand, dass die Verletzungen im Gegensatz zu früher oft lebensgefährlich sind. Christoph Krämer erklärt den Grund: „Die Ausrüstung ist wesentlich besser, dadurch wiegen sich die Skifahrer in falscher Sicherheit und fahren riskanter, als gut wäre.“ Passiert ein Unfall, dann nicht selten mit Schädel- oder Wirbelsäulenverletzungen. Außerdem tummelt sich ein Vielfaches an Sportlern auf den Pisten, so dass es zu schweren Zusammenstößen kommt. Die Bergwacht ist also immer noch unverzichtbar. Konnte sich das Tätigkeitsbild in der Ära des Rettungshubschraubers wenigstens auf die Versorgung vor Ort reduzieren? Leider nicht: „Oft herrscht Nebel im Tal, und der Hubschrauber muss am Boden bleiben“, erklärt Heinz Neiber. „Oder er ist bereits zu einem anderen Einsatz unterwegs.“ In diesen Fällen übernehmen die Helfer den Abtransport des Verletzten im Ackja – übrigens ein Gefährt, das der Münchner Bergwachtler Ludwig Gramminger zur technischen Reife brachte.

Fried Saacke demonstriert mit Christoph Krämer (li.) und Heinz Neiber (re.) Ackja und VakuumschieneInteressiert beugt sich Joseph Vilsmaier zu einem vor der Hütte bereitstehenden Ackja hinunter und lässt sich die Vakuummatratze erklären. Während man die Luft heraussaugt, schmiegt sich die Unterlage so eng um den Körper des Patienten, dass dieser sogar mit schweren Wirbelsäulenverletzungen gut gelagert werden und die Helfer ihn sicher ins Tal fahren können. So wie vor drei Wochen, als am Hang gegenüber ein Wanderer stürzte, zehn Meter tief fiel und bewusstlos liegen blieb. Christoph Krämer erinnert sich an die widrigen Umstände der Rettung: „Es war neblig und das Gelände batzig.“ Also ein Komplett-Job für die Bergwacht. „Wenn der Hubschrauber nicht kommen kann, sind unsere Einsätze sehr personalintensiv. Wir sind für die Versorgung jeder Verletzung im unwegsamen Gelände und für den Transport ins Tal zuständig. Dort übergeben wir an den Straßenrettungsdienst.“ Über 5000 Aktive zählt die bayerische Bergwacht, 250 sind es allein in der Bereitschaft Münchner, die an jedem Wochenende der Saison neun Hütten an den Münchner Hausbergen betreut.

Der Kaffee und der Zwetschendatschi im ersten Stock warten. Doch bevor es nach oben geht, zeigt Hüttenwart Christoph Krämer stolz auf die neu hergerichtete Werkzeugwand neben der Treppe: „Ist erst letztes Wochenende fertig geworden.“ Penibel aufgereiht hängen hier Karabiner, Seile, Steigeisen und anderes Zubehör. „Den Umgang mit der Ausrüstung muss man ständig üben“, erläutert der Helfer, „deshalb hängt sie hier so offen.“ Das Gerät hat es Joseph Vilsmaier angetan: „Geklettert bin ich nie – zu viel Angst. Wenn ich Kletterer in einer Wand beobachtet habe, dachte ich oft: Kruzifünferl, was machen die da?“ Er nimmt einen Haken in die Hand. „Die Sachen kenne ich von unserem Dreh am Nanga Parbat – aber das, was wir dort dabei hatten, war umfangreicher.“ Gewaltig war nicht nur das Equipment, sondern das gesamte Projekt, das Joseph Vilsmaier vor fünf Jahren in Angriff nahm: einen Film, der die Erstbesteigung des Nanga Parbat über die Rupalwand im Jahr 1970 nachzeichnet. Reinhold Messner und seinem Bruder Günther gelang dieser Aufstieg, doch kurz nach Erreichen des Gipfels verunglückte Günther tödlich. Reinhold wurde weltberühmt.

Bergwacht-Leiter Fried Saacke erklärt, den NotfallrucksackEs war 2004, kurz vor Weihnachten: Joseph Vilsmaier fand in seinem Briefkasten ein Schreiben von Reinhold Messner vor. Diesem lag ein Film über die damalige Expedition am Herzen, und er wusste, Vilsmaier wäre der Richtige für dieses Projekt. „Er hat ein großes Einfühlungsvermögen für die Leute im Gebirge“, kommentiert Messner seine Wahl. Der Regisseur nahm die Herausforderung an und startete zu Dreharbeiten, die auch ihn als Bergfex an seine Grenzen brachten. Während viele Nahaufnahmen in Südtirol und an einer künstlichen Eiswand in einem Kühlraum des Münchner Schlachthofs gedreht werden konnten, kam für die Landschaftsbilder nur der Originalschauplatz infrage: der Nanga Parbat im Norden Pakistans, mit 8125 Metern der neunthöchste Gipfel der Erde. „König der Berge“ nennen ihn die Einheimischen – als weltweit größte frei stehende Erhebung hat er den Ehrentitel wohl verdient.

Joseph Vilsmaier weiß noch, was er fühlte, als er diesen Koloss das erste Mal mit dem Hubschrauber überflog: „Der Berg war mir unheimlich; er strahlt etwas Gefährliches aus. Man spürt das einfach.“ Die Crew campierte im Basislager auf 4000 Metern Höhe und brach von dort zum täglichen Dreh auf. 50 Sherpas halfen, die Ausrüstung an Ort und Stelle zu transportieren. „Es herrschten bis zu 40 Grad minus, dabei blies der Wind teilweise mit 150 Stundenkilometern“, erzählt der Regisseur. „Wenn man sich da nur kurz hinsetzt, ist man im Nu erfroren.“ Anflüge der Höhenkrankheit erlebte er in der dünnen Luft am eigenen Leib: „Das ist wie nach einer Mass Bier zu viel – du verlierst Orientierung und Gedächtnis, es ist dir alles wurscht.“ Reinhold Messner stand der Crew ununterbrochen zur Seite und war sehr auf ihre Sicherheit bedacht. Aber auch auf fachliche und landschaftliche Details. „Der Reinhold hatte den Ehrgeiz, dass alles genau stimmen muss. Er kennt den Berg in- und auswendig und hat unseren Piloten gezeigt, wo sie gefahrlos landen können.“ Die Eignung des Geländes erschloss sich Joseph Vilsmaier allerdings nicht immer: „Ich bin da so manches Mal lieber im Hubschrauber geblieben.“

„Man braucht einen unglaublichen Willen, um so einen Berg zu besteigen“, weiß Fried Saacke. Christoph Krämer, der selbst in Pakistan geklettert ist, war an vielen Orten, von denen Joseph Vilsmaier spricht. Und als dieser die bekannten Bergsteiger aufzählt, die bei besonders riskanten Szenen gedoubelt haben, können die Bergwachtler nur anerkennend nicken – die kennen sie alle.

Während die Runde den Kaffeetisch abräumt und den Aufbruch vorbereitet, verabreden sich die drei Bergwachtler zum gemeinsamen Kinoabend am 14. Januar. Dann nämlich läuft er an, der Nanga-Parbat-Film von Joseph Vilsmaier. Und der verspricht stolz eine reiche Ausbeute der aufregenden Dreharbeiten: „Lawinen und andere Naturspektakel – wir haben da richtig gute Sachen drin!“